Bermuda Dreieck

Wie jedes Jahr, fanden auch dieses Mal die German
Open Ende Mai statt. Vorher herrschte so richtiges
Hamburger Niesel-Piesel-Wetter, und es sah ganz so
aus, als ob die Tennisspieler auch in Grau antreten
würden. Ich war der Einzige, der ein braungebranntes
Gesicht vorzeigen konnte. Meine Freunde - alle ganz
blass um die Nase - fragten mich, wo und an welchem
Meer ich meinen Zwischenurlaub verbracht hätte? Im
Bermuda-Dreieck, antwortete ich mit ernster Miene.
Eine Woche im Dreieck zwischen Emden, Leer und
Aurich bei Sonnenschein. Ich gestehe, dass ich mir
ausnahmslos Angelplätze aussuchte, wo mir die Sonne
direkt auf die Nase schien.
Und ich hatte eine grosse Auswahl: Entwässerungsgräben zuhauf,
ausserdem Kanäle, die das Wasser aus den Drainagen in die Ems ab-
führen. Wo man hinging, gab es Plätze zum Angeln.
Eines frühen Morgens - für mich fühlte es sich an wie kurz nach Mitternacht - stand ich an einer Verbindung zweier solcher Kanäle. Beinahe stehendes Wasser, sehr viele Seerosen, ein Paradies für den Weissfisch. Winzige, vom Schlamm verfärbte Blasen stiegen an die Oberfläche. Ich vermutete, dass hier wühlende Schleien zur Sache gingen, und erinnerte mich daran, dass mein Vater ihnen immer mit dem feinsten Zeug nachgestellt hatte. Er benutzte keine Pose, sondern legte die Schnur über ein Seerosenblatt. Wenn das Blatt anfing sich zu neigen, war das ein Biss.
Ich band also einen Jig an, warf vorsichtig und legte meine Schnur auf ein Seerosenblatt. Es war ein bisschen windig, der Wind spielte ein wenig mit dem Blatt und natürlich auch mit der Schnur darauf. Und auch ich zupfte manchmal mit der Rutenspitze. Vermutlich war das genügend Bewegung für den Jig, um einen Fisch zum Anbeißen zu reizen. Ich zog tatsächlich eine schöne Schleie
heraus, die ich nach dem Landen abhakte. Als ich dabei war, sie wieder vorsichtig schwimmen zu lassen, hörte ich hinter meinem Rücken:
“Moin! Angelst Du hier?”
“Ja, ich bin am Angeln”, sagte ich - das war ja auch kaum zu übersehen.
“Hast Du was gefangen?”, fuhr der Unbekannte fort. Es war ein Landarbeiter, in einem blauen Arbeitsanzug, die Harke am Fahrradrahmen befestigt.
“Was machst Du mit dem Fisch?”, fragte er ganz unverblümt.
“Ich lasse ihn wieder schwimmen”, antwortete ich wahrheitsgemäss.
“Kann ich ihn haben?”, bohrte der Unbekannte weiter.
“Klar kannst Du ihn haben.” Ich tötete also den Fisch und gab ihn meinem neuen Freund, der sich bemerkte, eine Schleie habe er schon lange nicht mehr gegessen. Ich dachte, ich hätte meine Ruhe und könnte wieder ungestört angeln.
“Sag mal ...”, ertönte es wieder hinter meinem Rücken: “Kannst Du nicht noch einen Fisch fangen? Weisst Du, der hier ist ziemlich klein, und ich habe eine grosse Familie ...”
Mir fiel fast die Rute aus den Händen. Er hatte jedoch recht gehabt, die Schleie hätte tatsächlich grösser sein können.
“Du, ich bin kein David Copperfield, ich habe nur gelernt zu angeln, nicht zu zaubern ...”
“Du schaffst das schon. Wenn Du einen Fisch geangelt hast, kriegst du auch noch einen anderen.”
Diese Logik war so bestechend, dass meine Hände nicht mehr meinem Hirn folgten, sondern nur noch den Wünschen des Grossfamilienernährers.
Manchmal hat man das Glück, solche Augenblicke erleben zu dürfen: Die zweite Schleie liess nicht lange auf sich warten. Doch weder lobte mich der Fremde dafür, noch schien er sonst irgendwie überrascht zu sein. Er stand einfach da und wartete.
Dieser Mann, der in seinem letzten Leben bestimmt ein Kameltreiber gewesen sein musste, nahm alles wie selbstverständlich hin. Die beiden Fische waren ihm allerdings immer noch nicht genug. Also versuchte ich es ein drittes Mal. Ich entfernte den Jig und band eine Red Tag an das Vorfach.
Jetzt werden Sie wahrscheinlich aufhören zu lesen. Dazu hätten Sie auch jedes Recht. Anglerlatein und nichts als Anglerlatein, werden Sie sagen. Die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, antworte ich Ihnen: Die dritte Schleie biss ebenfalls an.
Irgendwo aus seinem blauen Arbeitsanzug zauberte der Mann eine Plastiktüte hervor und schmiss die Schleie hinein. Nachdem er wortlos das Fahrrad mitsamt der an ihm befestigten Harke gewendet hatte, radelte er nach Hause. Ohne Dankeschön zu sagen. Ich hatte ganz vergessen ihm zu sagen, dass er die Schleie lieber erst am Abend braten sollte. Wenn man sie ganz frisch, gleich nach dem Fang zubereitet, springen die Kerle in der Pfanne hoch und
verspritzen die Butter und den Kümmel über die ganze Küchenwand.
Ich wollte den Heiligen Petrus nicht weiter herausfordern. Ich fuhr zu meinem Quartier, um mir ein schönes Frühstück zu gönnen. An diesem Tag ging ich nicht mehr Angeln. Ich sass auf der Terrasse, trank Kaffee und Bier und streckte meine Nase der Sonne des Bermuda-Dreiecks zwischen Leer, Papenburg und Aurich, entgegen.
Ich wusste, dass ich für den Donnerstag der folgenden Woche Freikarten zum Semifinale der German Open am Rothenbaum bekommen würde - und dass ich dort meine Freunde mit meiner braungebrannten Nase neidisch machen konnte.

Jaromir Knorre

ERZÄHLUNG
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Eine Leseprobe aus dem Taschenbuch
„erzählungen für Angelfreunde“
Heitere Erzählungen und das erste Wörterbuch Angeln-Deutsch erschienen als Taschenbuch bzw. als eBook im Verlag
„jfk eBook publishers“.

Eine kleine Sammlung lustiger, nachdenklicher, niedlicher Geschichtchen; so recht etwas für den Angler, der zu Hause im Sessel einmal seinem Hobby frönen will oder von den Mißerfolgen und Reinfällen Anderer lesen will. Eben 'mit Salmonidenwasser
geschrieben'.

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